Mittwoch, 5. Dezember 2012

Short Stories & Anthologies - Part I

Meet Misery

 Der Tag war hart. Ich bin total im Eimer und nehme meine Wohnung kaum wahr, als ich sie betrete, die Tür nur leicht beim schließen anschubse. Gedankenlos lasse ich den Schlüssel auf den Wohnzimmertisch fallen und greife im Vorbeigehen nach der geöffneten Weinflasche. Ich schenke mir etwas in das Glas vom letzten Abend und nehme einen tiefen Schluck. Noch mit dem Glas in der Hand, lasse ich mich auf die dunkelblaue Couch fallen, greife die Fernbedienung vom Tisch und verharre mit dem Daumen auf dem runden, grünen Knopf. Mein Blick haftet auf der schwarzen Mattscheibe der alten Röhre. Ich lehne mich zurück, die Fernbedienung noch immer in der Hand, der Finger auf dem Knopf, und schließe die Augen.

Als ich zu mir komme, habe ich den Geschmack von Eisen und Gummibärchen im Mund, noch bevor ich den süßlich, herben Geruch einatme und kaum Licht durch meine geschlossenen Lider scheint.
Ich öffne die Augen und blinzle verdutzt, als ich die fremde Umgebung um mich herum erblicke. Hatte ich die Haustür hinter mir richtig geschlossen?
Der Raum ist zwar nicht klein, doch durch die schwammige Atmosphäre, popelgrüne Tapeten, die nur von einer einzigen Stehlampe erhellt werden, dessen ehemals weißer Schirm mitlerweile schmierig beige ist, wirkt beengend. Ich erkenne in dem Halbdunkel eine klobige Kommode und ein ungefähr anderthalb Meter breites Bett mit Metallstreben. Die Matratze darauf verschwindet unter Wolldecken, einem kleinen Haufen Kleidungsstücken und lose herumliegender Bettwäsche.

In diesem Moment steigt Panik in mir auf und die skurrilsten Geschichten entwickeln sich in meinem Kopf. Wurde ich entführt? Verliere ich den Verstand? War das Leben, das ich bisher kannte, nur ein sich endlos ziehender Traum?
Ich kann mich nicht willendlich bewegen, tue es aber, denn ich nehme die seichte Bewegung wahr. Das ist der Augenblick, in dem ich mir sicher bin, den Verstand zu verlieren und einfach durchzudrehen. Ich will sprechen, schreien, heulen, doch kein Laut verlässt meine bewegungslosen Lippen. Mit all der mentalen Kraft, die ich aufbringen kann, versuche ich meinen Körper zu spüren, doch da ist nichts. Als wäre ich ein körperloser Geist, gefangen in einer Astralebene, stets den Blick in die wirkliche Welt gewandt. Aber ist sie das? Ist dieser trostlose, miefende Raum die wirkliche Welt?

In diesem Moment bewegt sich etwas auf dem Bett. Der ruhelose Geist in mir scheint sich aufzulösen und ich verliere komplett das Gefühl der Körperlichkeit. Wenige Augenblicke später fühlt es sich an, als wäre ich der Raum und würde von allen Seiten auf das herabblicken, was sich in mir abspielt.

Es ist ein Mädchen. Mager und hässlich. Ihre Haare sind spröde und fettig zugleich. Die Ringe unter ihren Augen könnte ich zählen, wäre ich nicht abgelenkt von ihrer wirklich lächerlichen Aufmachung. Sie wühlt sich aus dem Plunder, der auf dem Bett liegt, hebt die nackten, dünnen Beine auf den schmierigen Fußboden und gibt ein keuchendes Husten von sich. Sie trägt ein Kostüm. Ein Kostüm, wie karrieregeile Anwältinnen es in Bostoner Serien tragen. Doch ihr Kostüm ist schmutzig grau, hat überall Flecken, deren Herkunft ich gar nicht wissen will, und hängt knittrig an ihrem Körper, als würde sich beides gegenseitig abstoßen.

Wie in Trance beobachte ich, wie das Mädchen, ebenfalls wie in Trance, den Blick auf die Kommode wirft, auf der die Lampe steht. Im Lichtschein liegen allerhand Utensilien, die sowohl in ihr, als auch in mir eine Erregung hervorrufen. Sie erhebt sich wankend, beugt sich über die Kommode und gibt in kurzen Abständen seltsam saugende und röchelnde Geräusche von sich. Obwohl ich der Raum zu sein scheine, sehe ich mir das nicht an. Ich weiß, dass sie sich irgendetwas reinpfeifft und das ekelt mich an. Sie ekelt mich an.
Als ich die Augen vor diesem Schauspiel verschließe, beginnt mich eine imaginäre Hand zu ohrfeigen. Erst schlägt sie mich ins Gesicht, dann in den Nacken, auf den Hals und die Brust. Und obwohl ich in meinem scheinbar total durchgenallten Verfassungszustand in dem ich meine geistige Gesundheit an den Nagel gehängt habe, keinen Körper als solchen besitze, spüre ich die Schläge, ohne sie als schmerzlich wahrzunehmen.Als aus der imaginären Hand mehrere Hände werden, die mich überall schlagen, richtet sich das Mädchen schwankend auf und macht nahezu fallend einen Ausfallschritt. Mit einer halben Drehung um sich selbst steht sie vor einer weiteren Kommode, die im Halbdunkeln steht und streift sich das zu groß scheinende Jackett ihres Kostüms ab..

Sie stützt ihre Hände an den Seiten der Kommode ab, biegt dabei ihre dünnen, zerstochenen Ärmchen unnatürlich durch und ich frage mich, wie viel, beziehungsweise wie wenig Kraft man aufbringen müsste, um sie zu brechen. Ihr eingefallenes Gesicht ist gegen die Wand gerichtet. Ihre Augen sind geschlossen, doch ich kann sie unter den Liedern zittern sehen. Langsam richtet sie sich auf, drückt den Rücken zu einem Hohlkreuz durch und öffnet langsam die schwarzen, toten Augen und es ist, als würde sie mir direkt ins Gesicht sehen. Als ich diesen Gedanken zu Ende denke, kräuseln sich ihre trockenen, aufgeplatzten Lippen zu einem leichten, hämischen Grinsen.

Als würde sie mit den Schultern zucken wollen,  reckt die ausgestreckten Arme von sich und hebt sie leicht. Würde sie jetzt noch den Kopf in den Nacken legen, würde sie aussehen, wie eine im Geiste betende Irre. Doch sie wendet den Blick nicht von der Wand, in der ich körperlos Gefangen bin. Ich frage mich, was das ganze soll, und als hätte sie meine Gedanken gelesen, hebt sie die Arme noch etwas fordernder und mit den Unterseiten mir entgegen, meinem Blick.
Und dann begreife ich es: Sie will mir etwas zeigen. Als wüsste sie, dass ich da bin! Ein Funken Hoffnung keimt in mir auf, denn wenn sie weiß, dass ich da bin, bin ich vielleicht doch nicht ganz so verrückt, wie ich denke.

Kaum merklich nickt dieses hässliche und zerbrechliche Geschöpf mir, der Wand, entgegen und ich folge ihrem Wunsch und betrachte ihre Arme. Dunkle Flecken in den verschiedensten Farben, braun, grün und lila, sind in ihren Ellenbeugen zu sehen, doch ich weiß instinktiv, dass es das nicht ist, was sie mir zeigen will. Ich sehe genauer hin, betrachte ihre Haut und mein Blick wird intensiver.

Meine Körperlosigkeit wird mir einmal mehr bewusst, denn ich verliere mich in dem was ich sehe und es ist mir gänzlich unmöglich zu sagen, ob ich in der Wand, im Raum oder in der Atmosphäre schwebe.
Die Haut ihrer Arme gleicht nun altem Milchpapier und beginnt sich immer mehr aufzulösen. Vor meinem Blick legt sich das rosige Fleisch brach, die kümmerlichen Muskeln ziehen sich zurück und ein Netz aus Nerven und Adern zeigt sich mir. Als würde ich näher herantreten, wird dieser Ausblick intensiver, näher und ich sehe die gleichmäßigen Bewegungen ihrer Nerven und Venen. Ich kann das Rauschen ihres Blutes hören.
Und dann sehe ich es. Ihr Blut. Und es ist nicht rot uns fließend, wie ich es zuerst annehme. Nein, es ist zähflüssig und blassrosa. Und es ist nicht das einzige, was durch diese offenen Venen fließt. Ihr Blut besteht viel mehr aus einer weißgelben Paste, die sich zäh durch die engen Adern kämpft. Und augenblicklich schmecke ich all das, was durch ihren Körper fließt. Den Alkohol, das Kokain, das Heroin. Es schmeckt fürchterlich bitter und betäubt meinen nicht vorhandenen Körper.

Als sie meine Erkenntnis spürt, fasst sie sich an den Hals, als würde ihr die Luft abgeschnürt.Panik spiegelt sich in den weit aufgerissenen Augen wider und der Wunsch zu fliehen, schleicht wie ein Kribbeln ihren Rücken hinauf, bis sich ihre Nackenhärchen aufstellen und ihr ganzer Körper von einer Gänsehaut erfasst wird.
Doch als ich meine Aufmerksamkeit wieder ihrem Gesicht zuwende, bemerke ich, dass all das nicht stimmt. Denn ihre Züge sind ausdruckslos, höchstens spottend. Und ich spüre, dass es meine Empfindungen sind, die ich auf sie reflektieren wollte. Ich habe Panik. Ich will fliehen. Ich ersticke!
Ich will meinen Blick vor ihr verschließen, will dieser seltsamen Situation entfliehen und meinen Verstand zwingen wieder vernünftig zu arbeiten. Ich schüttele mein körperloses Selbst und will um mich schlagen.

Als ich zu mir komme, habe ich den Geschmack von Eisen und Gummibärchen im Mund, noch bevor ich den süßlich, herben Geruch einatme und kaum Licht durch meine geschlossenen Lider scheint.
Ich öffne die Augen und sehe in den Spiegel, der über der Kommode steht, an der ich meine dünnen Arme abstütze. Mein Spiegelbild sieht mir mit ausdruckslosen Augen entgegen und nickt langsam. Eine Bewegung die ich nicht spüre, denn mein Körper ist berauscht und betäubt. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag, der mich zurück in den Raum wirft.


Ich öffne die Augen und drücke den grünen Knopf der Fernbedienung und der Fernseher springt an. Während einer Verfolgungsjagd durch New Yorker Straßen läuft, stehe ich langsam auf und schließe meine Haustür richtig. Ich gehe ins Badezimmer und schaue in den Spiegel. Das Spiegelbild das sich mir zeigt, bin nicht ich. Denn ich bin in einem popelgrün tapezierten Raum, der kaum beleuchtet ist und warte darauf, dass ich mich selbst wiederfinde...

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